Bericht vom 1. Lübecker Shôgi-Turnier

Das ewige Duell Lübeck vs. Hamburg:
Wenigstens in Sachen Shôgi hat die einstige Hauptstadt der Hanse jetzt aufgeholt – mit dem ersten Turnier im Japanschach an der Trave

Hamburg versus Lübeck, das ist wie Köln gegen Düsseldorf oder Liverpool contra Manchester, die betreffenden Städte sind einander in herzlicher Rivalität verbunden. Und während Hamburg auf dem Fußballsektor noch ein bisschen die Nase vorn hat – auch wenn das angesichts der Dauerkrise beim HSV nicht für alle Zeiten festgeschrieben sein dürfte – , so hat Lübeck immerhin in Sachen Shôgi (!) dieser Tage deutlich aufgeholt (und das hat letzlich auch wieder etwas mit Fußball zu tun, schließlich wird das Kicken in der Fachliteratur gern als Rasen-Schach definiert, und Shôgi ist schließlich auch Schach, eben bloß Nippon-style).

Inzwischen hat sich nämlich dank der Initiative von Ritsuko und Rolf Müller (und With a little help from the Shôgi-friends of Hamburg!) in der Trave-Metropole ein Kreis aus Aktivisten formiert, die das spannende Spiel der Samurai pflegen. Mit einem ersten Highlight jetzt am 27. Februar 2016, als Lübeck zum Gastgeber wurde für das erste Shôgi-Turnier in den Mauern der einstigen Kapitale des Kaufmannsbundes Hanse.

Hamburger Duell auf Lübecker Boden: In der ersten Runde treffen Martin Wolff (li.) und René Gralla (re.) aufeinander. Foto: R+R Müller

Hamburger Duell auf Lübecker Boden: In der ersten Runde treffen Martin Wolff (li.) und René Gralla (re.) aufeinander. Foto: R+R Müller

Zwölf Teilnehmer aus fünf Städten belauerten sich, blufften und attackierten am letzten Sonnabend vor dem Frühlingsmonat März im traditionsreichen Gymnasium Katharineum (wurde bereits 1531 gegründet), und fast hätte es dabei einen Lübecker Doppelsieg gegeben. Denn Markus Müller, der neunjährige Filius des deutsch-japanischen Ehepaares vom Orga-Team, gewann die U-10-Sonderwertung, während Shinnosuke Katsumura, der aktuell für Lübeck spielt, denkbar knapp den ersten Platz verfehlte. Nach Durchlauf der fünf Runden des eintägigen Wettkampfes lag der 26-jährige Musikstudent aus Kyoto gleichauf mit dem Berliner Daniel Többens. Quasi ein Photo Finish, und bloß ein mickriger Extrapunkt in der Feinwertung gab den Ausschlag, dass schließlich doch der Routinier Többens den heiß umkämpften Pokal mit nach Hause nahm.

Das letzte Quentchen Glück fehlte für den finalen Triumph: Shinnosuke Katsumura (li.), der frisch gebackene Vize-Champ von Lübeck, neben Bronze-Gewinner Wolfgang Reher (re.) aus Bad Segeberg. Foto: R+R Müller

Das letzte Quentchen Glück fehlte für den finalen Triumph: Shinnosuke Katsumura (li.), der frisch gebackene Vize-Champ von Lübeck, neben Bronze-Gewinner Wolfgang Reher (re.) aus Bad Segeberg. Foto: R+R Müller

Knallhart und ohne Kompromisse punktete Wolfgang Reher aus Bad Segeberg. Der Nonkonformist mit wallender Silbermähne bewies, dass sein sensationeller Durchmarsch beim 2. Hamburger Kyu-Cup Anfang November 2015 kein Zufall gewesen war; der 58-jährige komplettierte das Spitzentrio aus Daniel Többens und Shinnosuke Katsumura und musste sich allein wegen minimal schlechterer Wertung in der Schlussbilanz mit dem dritten Rang begnügen.

WE ARE FAMILY: Die Teilnehmer des ersten Shôgi-Wettkampfes in Lübeck vor dem Turnierort Katharineum. Foto: R+R Müller

WE ARE FAMILY: Die Teilnehmer des ersten Shôgi-Wettkampfes in Lübeck vor dem Turnierort Katharineum. Foto: R+R Müller

Wertvollen technischen Support leistete Daniel Többens, der die Paarungen zusammenstellte und auswertete. Nach Hamburg ist Lübeck jetzt die zweite Shôgi-Metropole im Norden der Republik, und die Veranstalter Ritsuko und Rolf Müller denken schon über die nächste Aktion nach: einen Shôgi-Workshop im Sommer.

Hamburg rules?! Lübeck will rule …. in the near future?! Who knows?! Shôgi ist immer für Überraschungen gut!

René Gralla

DIE ABSCHLUSSTABELLE

Nr. Name Vorname Nat. 1 Grade Elo 1 2 3 4 5 Points SOS ELO+/-
1 Többens, Daniel DE 1 Kyu 1617 7+ 3+ 4+ 6+ 2- 4 16 –5
2 Katsumura, Shinnosuke JP 7 Kyu 1203 3- 5+ 8+ 4+ 1+ 4 16 +110
3 Reher, Wolfgang DE 4 Kyu 1463 2+ 1- 9+ 7+ 6+ 4 15 +20
4 Gralla, René DE 9 Kyu 955 5+ 8+ 1- 2- 9+ 3 15 +95
5 Wolff, Martin DE 12 Kyu 858 4- 2- 12+ 10+ 8+ 3 11 +70
6 Ishii, Masaomi JP 15 Kyu 574 12+ 10+ 11+ 1- 3- 3 11 +74
7 Mellert, Sebastian DE 6 Kyu 1300 1- 9- 10+ 3- 11+ 2 13 –16
8 Krahe, Fabian DE 8 Kyu 1101 9+ 4- 2- 12+ 5- 2 12 –13
9 Köhler, Ingo DE 6 Kyu 1191 8- 7+ 3- 11+ 4- 2 12 –11
10 Müller, Markus DE 16 Kyu 556 11+ 6- 7- 5- 12+ 2 9 +38
11 Imai, Shota JP 18 Kyu 229 10- 12+ 6- 9- 7- 1 9 +99
12 Müller, Rolf DE 16 Kyu 545 6- 11- 5- 8- 10- 0 11 –31

Promoting Katsumura Shinnosuke to 6 Kyu
Promoting Gralla René to 8 Kyu
Promoting Wolff Martin to 11 Kyu
Promoting Ishii Masaomi to 14 Kyu
Promoting Krahe Fabian to 7 Kyu
Promoting Müller Markus to 15 Kyu
Promoting Imai Shota to 18 Kyu

Die depperten Schäfer treiben auch im Shôgi ihr Unwesen…

Während im internationalen Schach extreme Kurzpartien unter zehn Zügen gar nicht mal so selten vorkommen und gelegentlich sogar in Turnierbulletins vermeldet werden, scheint es im Shôgi beinahe ausgeschlossen zu sein, im Überfallstil ein Match zu entscheiden – abgesehen davon, dass einer der beiden Kontrahenten absurd patzt und seinen Feldherrn direkt ins ôte laufen lässt.

Trotzdem kann sich auch auf dem Shôgi-Brett die Lage nach wenigen Zügen zuspitzen, und mit Lichtgeschwindigkeit ist alles aus. Ein unbekannter Spieler hat das mal in einer lustigen Partie gegen seinen Computer demonstriert und die Miniatur anschließend auf Youtube veröffentlicht. Leider ist der Kurzfilm dort nicht mehr abrufbar, aber immerhin ist diese denkwürdige Begegnung dank der Sendung GAME ONE vor dem Vergessen bewahrt worden.

Denn in einem geradezu historischen Beitrag, der von MTV im Frühsommer 2011 zum Thema Shogi gesendet wurde …

… , realisieren Moderator Daniel “Budi” Budiman (Weiß) und René Gralla (Schwarz) ein Replay des irgendwann nach dem Mai 2009 in den Tiefen des Webs verschwundenen lustigen Mensch-versus-Computer-Duells, das quasi das Shôgi-Gegenstück zum notorischen “Schäfer”-Matt im Internationalen Schach ist (mit kleineren Zugumstellungen, die aber an der Endkonstellation und dem finalen Ergebnis nichts ändern).
Und das alles mit Playmobil-(!)-Figuren (!!), die René Gralla vorher handbemalt hatte, und auf einem ebenfalls custom-made Spielplan aus der Gralla-Production. Have fun!

MTV-REPLAY DES SHÔGI-”SCHÄFER”-MATTS
EINES UNBEKANNTEN SPIELERS (mit Schwarz) GEGEN SEINEN COMPUTER (Weiß)
(mit Zugumstellungen; nachfolgend wiedergegeben wird das Protokoll der Originalpartie, die bis ca. Mai 2009 auf Youtube zu finden war)

Hamburg, im Mai 2011

Schwarz: René Gralla
Weiß: Daniel “Budi” Budiman

1. P6g-6f P3c-3d (Figur 1)

Figur 1

Diagramm 1

Achtung, der B2b will sich den P6f schnappen!

2. P6f-6e …

Angriff ist die beste Verteidigung – der Samurai entzieht sich dem Anrempelungsversuch.

2. … P4c-4d

Recht schematisch – will wohl auf eine Ranging Rook-Strategie einschwenken?!

3. P9g-9f …

Räumt das Feld 9g für den Läufer.

3. … P9c-9d

Der typische Reflex bei Vorstößen der Randbauern – soll ein Überschreiten der Mittellinie durch den schwarzen Infanteristen auf der Linie 9 verhindern.

4. B8h-9g …

Ein seitlicher Läuferausfall – und nun schielt der schwarze Kaku begehrlich auf den weißen Fußkämpfer P5c.

Die selbst gebastelten Playmobil-Shôgifiguren verleihen dem Spiel einen besonderen Charme.

Die selbst gebastelten Playmobil-Shôgifiguren verleihen dem Spiel einen besonderen Charme. Hier der schwarze Läufer.

4. … S3a-4b

Verteidigt den attackierten Kameraden.

5. R2h-6h …

Eine Art seitenversetzte Haya-Ishida-Taktik, nämlich nicht wie üblich auf Linie 7, sondern auf der Linie 6!

5. … K5a-6b? (Figur 2)

Figur 2

Diagramm 2

Traut sich in die zentrale Magistrale, auf der sich der fliegende schwarze Streitwagen postiert hat – und das ist selten eine gute Idee, selbst wenn zwischen der feindlichen Kampfmaschine und dem König (noch!) andere Einheiten stehen.

6. B9g-6d!?!?! … (Figur 3)

Figur 3

Diagramm 3

Das Angebot eines mutigen Läuferopfers, das einen brandgefährlichen, weil vom schwarzen Tank unterstützten Infanteriestoßtrupp ganz in die Nähe des weißen Oberkommandierenden befördert.

6. … P6cx6d

Vielleicht hätte er besser nicht zugreifen sollen?!

7. P6ex6d K6b-7b???

Läuft mit tödlicher Sicherheit in die falsche Richtung. Viel bessere Aussichten bot natürlich der sofortige Rückzug auf das Ausgangsfeld 5a!

8. P6d-6c+ …

… und MATT! 1-0

Figur 4

Diagramm 4: Sieg für Schwarz

Beware of the BONKERS BISHOPS!

René Gralla